Live-Video: Hören wird um Sehen ergänzt
Die Qualität der Notrufabfrage ist das Fundament jeder erfolgreichen Rettungskette. Während die Kommunikation zwischen Hilfesuchenden und der Leitstelle bisher primär auf Gesprächs-Informationen basierte, eröffnet die Integration von Echtzeit-Videoübertragungen eine neue Dimension der Lagebeurteilung. Bei Bedarf kann ein Videobild aus der Smartphone-Kamera vom Anrufenden angefordert werden.
Bisher stützte sich die strukturierte und qualifizierte Notrufabfrage in der ILS fast ausschließlich auf die akustische Wahrnehmung und die Schilderungen der Anrufer. In Stresssituationen stoßen verbale Beschreibungen jedoch oft an ihre Grenzen: Sprachbarrieren, Orientierungslosigkeit oder die emotionale Ausnahmesituation der Hilfesuchenden können zu unpräzisen Vorstellungen über die Lage vor Ort führen.
Mit einem Bild kann eine Verletzung bzw. Erkrankung oder auch ein Notfallort (z. B. eine Unfallstelle) besser eingeschätzt werden. Eine Laien-Reanimation oder Erste-Hilfe-Maßnahmen können damit besser angeleitet werden („Sehen, was getan wird“).
Zwar konnte schon seit längerem die Kamera für eine Bildübertragung genutzt werden, war aber in den Stresssituationen sehr aufwändig und fehlerbehaftet (und deshalb in der Praxis selten verwendet): Aus der Leitstelle wurde eine SMS mit einem Link versendet, den die Notrufenden nach Öffnen der SMS anklicken mussten. Über den Browser musste eine Kamerafreigabe gestartet werden, die dann ein Bild in die Leitstelle übertragen konnte. Nun ist diese Funktion im Betriebssystem von Android-Handys integriert: es erscheint ein Pop-Up-Fenster auf dem Bildschirm bei dem mit nur einmal Tippen die Freigabe des Bildes erteilt wird.
Da Videostreams hochsensible Einblicke in die Privatsphäre oder den Gesundheitszustand bieten, erfolgt die Bildübertragung nur nach expliziter Anfrage durch die Leitstelle sowie Zustimmung und Freigabe des Anrufers.
Aktuell funktioniert das Verfahren auf allen Android-Geräten, ohne dass eine App installiert oder Einstellungen geändert werden müssen. Wann die Technik auch bei Apple und anderen Smartphone-Herstellern verfügbar sein wird, steht noch nicht fest.

Über die bereits eingeführte AML-Technik (Advanced Mobile Location) wird ein zusätzlicher Token versendet, mit dem die direkte Übertragung des Videostreams durch eine einzige Bestätigung der Notrufenden ermöglicht wird. Leitstellenseitig wird ein Videosystem benötigt.
Die Übertragung des Videostreams erfolgt verschlüsselt direkt zwischen den Smartphones der Notrufenden und der Leitstelle. Es wird kein Server zwischengeschaltet. Um eine Beeinflussung der kritischen Leitstelleninfrastruktur auszuschließen, wird die Videolösung logisch getrennt vom Einsatzleitsystem betrieben.
Für eine erfolgreiche Umsetzung ist eine Schulung des Leitstellen-Personals notwendig. Neben der technischen Bedienung stehen die taktische Gesprächsführung und der psychische Eigenschutz im Vordergrund. Dies beinhaltet auch, in welchen Situationen diese Technik hilfreich oder auch nicht ist. Die Durchführung der Aktivierung, Kommunikation mit den Notrufenden, Beendigung/Abbruch der Übertragung und Maßnahmen zur Dokumentation werden erläutert und geübt.
Neben der technischen Bedienung stehen die taktische Gesprächsführung und der psychische Eigenschutz im Vordergrund. Die Schulung enthält Themen zu Technik, Recht, Taktik und Psychologie.
Die Videoübertragung endet nicht am Bildschirm des Disponenten. Die gewonnenen visuellen Erkenntnisse müssen nahtlos in den Informationsfluss der Notfallrettung integriert werden. Dies kann mit einer verbalen Lagebeschreibung, einer Bildweitergabe oder einer Vorbereitung der Zielklinik geschehen.
Die Verarbeitung dieser personenbezogener Daten ist nach Datenschutz-Grundverordnung zulässig: Da der Videostream aktiv durch den Anrufer (nach Erhalt eines SMS-Links) gestartet werden muss, liegt eine konkludente Einwilligung vor. Weiter ist die Verarbeitung zulässig, um lebenswichtige Interessen der betroffenen Person oder einer anderen natürlichen Person zu schützen (Kernaufgabe der Notfallrettung).
Da eine umfassende schriftliche Information im Notfall unmöglich ist, erfolgt die Aufklärung mündlich durch den Calltaker/Disponenten vor Link-Versand.
Andere Leitstellen in Deutschland können diese Funktion auch nutzen, dies liegt in deren Entscheidungsbereich. Voraussetzung ist ein Videosystem und die Anbindung an die AML-Server. Zur genauen technischen Umsetzung wenden Sie sich bitte an Ihren Hersteller des Einsatzleitsystems.
Eine Videoübertragung war bisher auch schon möglich, jedoch aufwändig und in den Stresssituationen der Notrufenden sehr fehleranfällig. Im Rahmen eines gemeinsamen Workshops mit Google kam diese wichtige Vereinfachung zustande. Das „Live-Video“ ist nicht die erste Innovation im Rettungswesen aus Freiburg. Bereits 2019 hat die ILS Freiburg bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Seit damals wird hier AML (Advanced Mobile Location) bundesweit für alle anderen Leitstellen bereitgestellt. Die Technik aktiviert bei einem Notruf automatisch die Ortungsfunktionen des Smartphones und übermittelt die Standortdaten an die Leitstelle. AML wird inzwischen deutschlandweit genutzt.
Smartphone-Ansichten während des Notrufs

Dies ist die Ansicht des Smartphones, nachdem die Leitstelle die Videofunktion angefragt hat

Ansicht nach Bestätigung der Übertragung

Während des Notrufs


